Das Top Genetik Programm der Schweinebesamungsstation Weser-Ems e.V.
Ablaufschema der TG-Prüfung
Die neue Zuchtwertschätzung der Schweinebesamungsstation Weser-Ems e.V. (Dr. Helge Täubert - vit Verden)
Seit Dezember 2008 wird für Besamungseber der Rasse Pietrain eine BLUP-Zuchtwertschätzung durchgeführt. Das neue
Verfahren löst die bisherige Indexberechnung ab.
Die Schweinebesamungsstation Weser-Ems e.V. hat in Zusammenarbeit mit der LWK und dem vit in Verden
ein neues
Verfahren eingeführt, um ihren Kunden bestmögliche Informationen anzubieten.
Folgende wichtige Schritte wurden vorgenommen:
Leistungsprüfungen von Nachkommen der Besamungseber finden zukünftig nicht mehr ausschließlich auf Leistungsprüfungsstationen statt, sondern auch auf ausgewählten Mastbetrieben. Dadurch wurde die Stationsprüfung
um eine gelenkte Feldprüfung erweitert. Die Eber werden über verschiedene Betriebe hinweg eingesetzt, die Ferkel
mittels eines elektronischen Ohrmarkentransponders eindeutig gekennzeichnet, die Mastendprodukte auf ausgewählten Schlachthöfen geschlachtet und die Schlachtleistungen individuell erfasst. Damit ist eine eindeutige Leistungserfassung
der Nachkommen von Besamungsebern gewährleistet. Die Tierkennzeichnung, die Datenerfassung auf den Testbetrieben,
die Beschickung der Schlachtbetriebe und Rücklieferung der Schlachtdaten werden zentral von der Firma
INFOSYS Tierdaten-Service GmbH gesteuert und überwacht.

Vorteil dieses Verfahrens ist eine Erweiterung der Stationsprüfung um Felddaten, die praxisnaher sind, da sie auf
Praxisbetrieben erhoben werden. Außerdem werden in diesen Betrieben mehr Nachkommen geprüft als auf den
Prüfstationen. Das erhöht die Sicherheit der Zuchtwerte. Die Stationsprüfungen sind jedoch weiterhin eine sehr wichtige Informationsquelle für die Nachkommenprüfung, können aber mit den Felddaten sinnvoll ergänzt werden. Außerdem
werden in den Stationsprüfungen aufwändigere Merkmalserfassungen durchgeführt, z.B. die Futterverwertung kann auf
den Praxisbetrieben nicht erfasst werden.
Anstelle der bisherigen Indexberechnung wurde eine BLUP-Zuchtwertschätzung eingeführt. Vorteil dieses Verfahrens
ist die gleichzeitige Berücksichtigung von Umwelteinflüssen in der Zuchtwertberechnung. Systematische Einflussfaktoren,
z.B. Effekte vom Betrieb oder der Jahreszeit werden erfasst und die Leistungen der Nachkommen daraufhin korrigiert.
Dadurch lassen sich genetische Effekte unverzerrt schätzen und die Genetik eines Ebers kann besser beurteilt werden.
Ein Zuchtwert stellt keinen Messwert für die Leistung eines Besamungsebers dar, sondern schätzt die Leistung seiner
Nachkommen, in diesem Fall, ob sie besser oder schlechter als der Durchschnitt sind. Wichtig ist, was bei den
Nachkommen ankommt, unabhängig, ob sie auf einem Spitzenbetrieb oder einem durchschnittlichen Betrieb aufwachsen.
Daher kann ein Zuchtwert eines Ebers durchaus positiv sein, obwohl seine Eigenleistung das nicht erkennen lässt.
Die BLUP-Zuchtwertschätzung ermöglicht diese Schätzung in einem einzigen Rechengang. Daher kommt übrigens
der Name: Best Linear Unbiased Prediction (Beste lineare unverzerrte Vorhersage). Es ist so universell einsetzbar,
dass es in so gut wie allen Bereichen der Tierzucht angewandt wird. Die BLUP-Zuchtwertschätzung für Besamungseber
wird vom vit in Verden durchgeführt.
Zuchtwerte werden zur Zeit für drei Merkmale geschätzt: tägliche Zunahme, Magerfleischanteil und Futterverwertung.
Durch die kombinierte Leistungsprüfung im Feld und auf Station lassen sich tägliche Zunahme und Magerfleischanteil
jeweils im Feld und auf Station prüfen. Dadurch stehen insgesamt 5 Merkmale zur Verfügung: Nettozunahme im Feld (Lebenstagszunahme), tägliche Zunahme im Prüfabschnitt auf Station, FOM–Magerfleischanteil im Feld,
FOM-Magerfleischanteil auf Station, Futterverwertung auf Station. Obwohl die Merkmale tägliche Zunahme und
Magerfleischanteil im Feld und auf Station fast identisch sind, werden sie als genetisch unterschiedliche Merkmale
behandelt. Besonders deutlich wird das bei der täglichen Zunahme: im Feld wird die Lebenstagszunahme erfasst,
auf Station die Zunahme im Prüfabschnitt, welche viel höher ist. Für jedes dieser Merkmale wird ein Zuchtwert geschätzt.
Die Merkmale sind untereinander korreliert, d.h. verändert man züchterisch das eine Merkmal, ändert sich automatisch
auch das andere. Andererseits werden Informationen über das eine Merkmal bei einem zweiten, korrelierten Merkmal
mitgenutzt. Wichtig wird dieser Zusammenhang bei züchterisch nachteilig korrelierten Merkmalen, z.B. die tägliche Zunahme
und der Magerfleischanteil. Wird alleine auf hohe Zunahmen gezüchtet, verschlechtert sich automatisch der Magerfleischanteil,
weil die Tiere zu fett werden. Dieser Antagonismus wird in der Zuchtwertschätzung berücksichtigt.
Die einzelnen Zuchtwerte werden mit ökonomischen Gewichten zu einem Gesamtzuchtwert kombiniert. Hierbei
wurde eine grundlegende Veränderung vorgenommen. Die ökonomischen
Gewichte für tägliche Zunahme und Futterverwertung wurden der aktuellen Marktsituation angepasst.
Vorausgegangen war eine
Neuberechnung der
Landwirtschaftskammer Niedersachsen.
Das Gewicht der täglichen Zunahme
wurde von 0,029 € auf 0,072 € (jeweils
pro Gramm) und der Futterverwertung
von 15,1 € auf 23,0 € (Kilogramm Gewichtsansatz pro Kilogramm Futter)
erhöht. Damit wurde den stark gestiegenen Futtermittelpreisen entsprochen und eine auch in der Zukunft angemessene
Gewichtung garantiert. Durch die neue Gewichtung wurden auch die relativen Verhältnisse der Merkmale im Gesamtzuchtwert verschoben: Bisher hatte der Magerfleischanteil einen Anteil von 54% im Zuchtwert, d.h. mehr als die Hälfte des Zuchtziels
war auf Fleischanteil ausgerichtet. Tägliche Zunahme und Futterverwertung teilten sich den Rest (20 % bzw. 26%). Der neue Gesamtzuchtwert besteht aufgrund seiner neuen ökonomischen Gewichtungsfaktoren zu 38% aus Magerfleischanteil,
34% tägliche Zunahme und 28% Futterverwertung.
Die starke Dominanz des Fleischanteils im Zuchtziel ist einer gleichmäßigeren Gewichtung aller drei Merkmale gewichen.
Der neue Gesamtzuchtwert ist damit viel ausgeglichener und den aktuellen Marktanforderungen angepasst.
Darstellung des neuen Gesamtzuchtwertes
Der neue Gesamtzuchtwert wird in einer standardisierten Form dargestellt. Das ermöglicht die schnellere Einschätzung
eines Ebers. Im Gegensatz zu den Naturalzuchtwerten lässt sich beim standardisierten Zuchtwert nicht nur auf einen Blick
erkennen, ob der Eber einen positiven oder negativen Zuchtwert hat, es lässt sich auch die Höhe der Über- bzw.
Unterlegenheit feststellen. Der Mittelwert liegt bei 100, mit einer Standardabweichung von 20. Eber mit einem
Gesamtzuchtwert über 100 sind positiv, unter 100 negativ zu bewerten. Ein Eber mit einem Zuchtwert von 120 ist
genau eine Standardabweichung, mit 140 zwei Standardabweichungen über dem Mittel.
Der standardisierte Gesamtzuchtwert bezieht sich immer in Relation auf eine Basispopulation, die aus Ebern besteht,
die bereits vollständig geprüft wurden. Um diese möglichst aktuell zu halten, wird sie einmal im Jahr angepasst.
Top-Genetik Einstufungen
Unverändert bleibt die Einstufung der Besamungseber in das Top-Genetik-Programm. Das obere Drittel der mit
mindestens 8 Nachkommen auf Station geprüften Ebern werden als Top-Genetik-Eber eingestuft. Aufgrund der
Verteilung der Zuchtwerte lassen sich die Einstufungen jetzt schneller und transparenter durchführen. Eber mit einem
Zuchtwert von 108 oder höher werden in das Programm aufgenommen.
Der Umstieg auf eine BLUP-Zuchtwertschätzung bewirkt eine Neueinstufung der Eber, die mit Hilfe neuer Rechenverfahren
auf Umwelteinflüsse korrigierte Zuchtwerte zur Verfügung stellt. Damit wird die eigentliche Genetik jedes Besamungsebers
besser und genauer erfasst als bisher. Der Nutzen für den Kunden ist eine höhere Sicherheit in der Auswahl der Eber und
durch die Kombination mit den an die neuen Marktverhältnisse an-gepassten ökonomischen Ge-wichtestellt die Schweinebesamungsstation Weser-Ems e.V. ihren Kunden Eber mit Zuchtwerten zur Verfügung, die auf einer neuen,
praxisnahen, erweiterten Leistungsprüfung aufbauen.
Dr. Helge Täubert
vit Verden
|